Wir gehen davon aus, dass es keinen gerechten Krieg in unserer modernen

Zeit gibt, ausser dem Klassenkrieg. Unserer Ansicht nach sind die Schuldigen auf

beiden Seiten [des Krieges] die Herrschenden, und die Opfer sind die einfachen Leute.

Beim Beginn des Zweiten Tschetschenien-Krieges hatte unsere Gruppe [KRAS-

IAA] auf Flugblättern, die wir an die Mauern von Moskau plakatiert hatten, das

Folgende bekanntgegeben:

"Nieder mit dem Krieg! Ihr könnt uns nicht verarschen! Yelzins, Mashadovs

(1), Putins, Bashayevs (2) - sie alle sind die selbe Bande! Sie haben den

Terror in Moskau, Volgodonsk, Dagestan und Tschetschenien organisiert. Es ist ihr

Spiel, es ist ihr Krieg. Sie brauchen ihn für ihre Machtspiele! Sie brauchen ihn für

ihren Kampf ums Öl. Warum sollten unsere Kindere für ihre Interessen sterben?

Die Oligarchen sollten sich besser gegenseitig abknallen! Glaubt nicht dem

nationalisischen Wahnsinn: man kann nicht eine "Nation" für die Verbrechen

einiger weniger verantwortlich machen, schon gar nicht für Verbrechen, die nur den

Herrschenden aller "Nationen" dienen. Beteiligt euch nicht an diesem

Krieg! Leistet mit allen notwendigen Mitteln Widerstand! Streikt gegen den Krieg und

gegen Kriegstreiber!"

Für uns sind die Kriegsgründe also eindeutig. Trotzdem wollen wir einige

Details erläutern. Was die russischen Herrschenden betrifft, dient dieser Krieg

der nationalistischen Legitimation ihrer Macht. Es ist auch eine Übung für die

neuen Wahltechnologien von Putin und die Oligarchen, die ihn unterstützen. aber

es gibt auch andere Gründe, warum Russlands Herrschende Ströme von Blut im

Kaukasus fliessen lassen. Einige von ihnen sind einfacher wirtschaftlicher Natur. Öl und

seine Transportwege sind für die Wirtschaft des kapitalistischen Russlands sehr

wichtig. In der Tat sind die Ölvorräte in Tschetschenien nicht sehr reichhaltig und

von schlechter Qualität. Aber sie gewährleisten eine billige Ölversorgung für

die ganze Region. Auch transportieren zwei wichtige Pipelines Öl aus dem Kaspischen

Meer durch Tschetschenien. Russland will diese nicht verlieren und ausserdem befinden

sich die russischen Ölmultis im Kampf mit US-Multis um die azerbejianischen

Ölvorräte. Sie ziehen es vor dieses Öl durch russisches Gebiet statt durch die Türkei zu

transportieren.

Ein weiterer, eher politischer Grund ist, dass das senile russische

Imperium nicht die Abspaltung von Tschetschenien möchte, weil es Angst davor hat, das

würde ein Vorbild für andere Regionen werden. Besonders jetzt, da die lokalen

Verwalter und Herrscher an mehreren Orten zunehmend unabhängiger und stärker werden.

Tschetschenien muss geschlagen werden und dient als Beispiel, um andere

abzuschrecken.

Was die tschetschenischen Herrschenden betrifft, so wünschen sie die

Hegemonie in der Region durch das Abtrennen vom Land des alten Imperiums zu gewinnen.

Das ist das imperialistische Prinzip des Stärkeren. Das tschetschenische Militär

spielt eine wichtige Rolle, zum Beispiel in den Kämpfen gegen georgische Truppen in

Abchasien und die tschetschenischen Politiker träumen von einer Föderation

kaukasischer Nationen. Die Gründe für das Interesse der tschetschenischen Eliten für

einen Krieg im Nordkaukasus sind auch innerer Natur. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde

dieses Land tatsächlich zwischen verschiedenen Warlords aufgeteilt, die sich feudal

auffürten und ihre eigenen Armeen unterhielten, sowie Entführungen durchführten, usw.

Die zentralisierte Macht des Präsidenten Mashadov kontrolliert nur einen

kleinen Teil des Landes. Warlords, die sich ihm widersetzen, wie Basayev, haben

den wahabitische Islam als eine Art nationales Bindemittel und

Kontrollfunktion für die gesamte Region. Sie werden von Saudi-Arabien, den Taliban und

anderen islamischen Fundamentalisten unterstützt. Die fundamentalistischen Vision des

Islam sind beliebt und haben sich unter den Eliten verschiedenen kultureller Gruppen im

benachbarten Dagestan verbreitet, die gegen die herrschenden Stammesverbände

rebellieren, welche wiederum von Moskau unterstützt werden. Das erneute Aufflammen

der Krise im Nord-Kaukasus ist in der Tat von oppositionellen Kräften aus Dagestan

ausgegangen, wobei tschetschenische Warlords daran teilgenommen haben. Ausbreitung

und Krieg ist im Interesse der tschetschenischen Warlords, denn es bekräftigt ihre

Stellung gegen die Zentralmacht in [der Hauptstadt] Grozny.   

Nach dem Ersten Tschetschenienkrieg (1994-1996), der mehr als

hunderttausend Leben kostete, wurde es klar, dass das Problem nicht zu regeln

ist und dass dieHerrschenden auf beiden Seiten den Frieden nur als eine kurze

Pause betrachtet hatten. Schon 1999 war die Unvermeidbarkeit einer Eskalation

offensichtlich. Die Verschlechterung der politischen und wirtschaftlichen Lage in

Russland und Tschetschenien hat die Herrschenden in einen neuen ?siegreichen?

Krieg geführt, der ein nationalistisches Ablenkungsmanöver darstellte.

Als eine Ausrede für den neuen Konflikt diente der russischen Elite die

Entführungen durch tschetschenische Warlords betrieben wurden und deren

islamistische Oppositionsaktivitäten in den benachbarten Regionen.

Im Herbst [2004] hat das russische Militär seine sogenannte

?Anti-Terror-Operation? begonnen, die sich sehr rasch als totale Intervention

herausgestellt hat. Seitdem herrscht wieder Krieg.

Wenn wir über Interessen reden, müssen wir auch die Positionen der

westlichen Herrschenden betrachten. Es ist logisch, dass diese so zwiespältig sind,

wie die Zwiespältigkeit der Interessen der westlichen Mächte in der Region. Auf

der einen Seite haben sie Angst vor den Folgen eines möglichen unkontrollierten

Zerfalls des russischen Imperiums, sie haben Angst vor Chaos in diesem Teil Osteuropas

und Nordasiens und sie haben Angst vor dem Verlust ihres Monopols an

Atomwaffen. Die westlichen Staaten brauchen ein starkes Russland, aber nicht zu stark.

Russland soll die Rolle einer regionalen Supermacht ausüben, die ein Bollwerk gegen

Islamismus und Fundamentalismus darstellt und auf diese Art die Interessen des westlichen

Imperialismus verteidigen. Aber Russland soll sich mit dieser Rolle zufrieden geben

und nie wieder anstreben eine Weltsupermacht zu werden. Solche

Verflechtungen sind bezeichnend für die Politik der westlichen Staaten in Bezug auf

Russland und besonders in der Frage dieses Krieges. Sie blicken voll Neid auf das

Wiederaufleben und die neue Arroganz des russischen Militärs, aber förmlich verdammen

sie den russischen  militärischen Terror und Massenmord in Tschetschenien.

Aber gleichzeitig sind sie zufrieden mit den offiziellen kindischen Sanktionen und

immer wieder erinnern sie daran, dass Tschetschenien "sowieso zu Russland gehört".  

Vadim D., KRAS-IAA Moskau

(Konföderation Revolutionärer Anarcho-Syndikalisten -

Internationale ArbeiterInnen-Assoziation)

http://www.kras.fatal.ru

http://www.iwa-ait.org

Anmerkungen:

(1) Mashadov = u.a. tschetschenischer Präsident

(2) Basayev = tschetschenischer [Rebellen-]Führer

Quelle: Abolishing the Borders from Below #12,

http://www.abb.hardcore.lt

Übersetzung: Anarchosyndikat "eduCat",

http://anarchosyndikalismus.org